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EDITH-SITWELL
Andere Begriffe: Dichterin Lyrikerin Lyrik
Eine bedeutende britische Dichterin war Edith Sitwell (1887–1964). Die „Wegbereiterin des literarischen Modernismus“ erregte durch ihre eigenwillige Lyrik mit kühnen Wortschöpfungen, konstruierten Gedankenverbindungen, überraschenden Bildern, unregelmäßigen Rhythmen und Dissonanzen starkes Aufsehen. Kritiker bescheinigten ihr einen sechsten Sinn für Rhythmus und Klang. Die Musik der Verse, die Assoziationen, die sie hervorriefen, erschienen ihr wichtiger als die Bedeutung der Wörter.
Edith Sitwell wurde am 7. September 1887 in Scarborough (Großbritannien) als Tochter einer aristokratischen Familie geboren. Ihr Vater Sir George Sitwell hatte mit Kohlengruben ein Vermögen verdient und galt als kühler, knickriger Kauz mit übermäßigem Respekt vor Geld und vornehmer Geburt. Ihre Mutter Lady Ida war die attraktive, leichtsinnige und vergnügungssüchtige Enkelin eines Herzogs.
Später schilderte Edith Sitwell ihre Kindheit als „schmutzige Hölle“. Die schöne Mutter liebte ihre Erstgeborene nicht, weil sie kein Junge und außerdem hässlich war. Zudem ließ sie ihre Tochter die Enttäuschung über ihre Ehe büßen. Der Vater begegnete Edith mit herablassender Geringschätzung, weil sie keine griechische Nase hatte und wenig Interesse an Tennisspiel zeigte.
Im Sommer 1914 zog Edith Sitwell mit ihrer ehemaligen Erzieherin, die eine talentierte Pianistin und Übersetzerin des französischen Dichters Arthur Rimbaud (1854–1891) war, nach London. Die innere Befreiung von der lieblosen Mutter wurde möglich, weil Lady Ida auf einen Gauner hereingefallen war, der sie in betrügerische Geldgeschäfte verwickelte und sie deswegen ins Gefängnis musste.
Der erste von der sensiblen und hochbegabten Edith Sitwell verfasste Gedichtband unter dem Titel „The Mother and other Poems“ (1915) entwickelte sich zum Riesenerfolg. Britische Zeitungen veröffentlichten ihre Lyrik, berühmte Kritiker wurden auf sie aufmerksam, und bald gab die erfolgreiche Dichterin eine eigene, neue Poesie präsentierende Zeitschrift heraus.
Zu dieser Zeit lebte Edith Sitwell in einem Londoner Kleinbürgerviertel. In ihrer kleinen Wohnung standen nur halbzerbrochene Möbel. Ihre Jahresrente von hundert Pfund erlaubte lediglich bescheidene Mahlzeiten mit Tee, Brot, Suppe und getrockneten Bohnen. Trotz ihrer Armut lud Edith jeden Samstagnachmittag zum Tee. Zu ihren Besuchern gehört auch die Schriftstellerin Virginia Woolf (1882–1941), die einmal in ihr Tagebuch schrieb, es habe nur Zuckerwasser und Kirschen gegeben.
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bildete Edith Sitwell zusammen mit ihren jüngeren Brüdern, den Dichtern Osbert Sitwell (1892–1969) und Sacheverell Sitwell (1897–1988), in London das Zentrum eines avantgardistischen kulturellen Zirkels. Auch ihre Brüder hatten sich unter dem Eindruck des Skandals von ihrer Familie gelöst und dem Vater nie verziehen, dass er die Schulden ihrer Mutter nicht beglich, was Lady Ida vor dem Gefängnis bewahrt hätte.
Die drei Sitwells traten als Dandys auf. Mal trugen sie Leopardenfelle, mal schwarze Capes mit schwarzen Zigeunerhüten, mal bedeckten sie sich mit Rosen und tanzten im väterlichen Schloss Ringelreihen, wobei sie der Fotograf Cecil Beaton (1904–1980) ablichtete. Über diese Meister der Eigenreklame lästerte der englische Literaturkritiker Frank Raymond Leavis (1895–1978), die Sitwells gehörten nicht in die Geschichte der Lyrik, sondern der Werbung. Von ihrem Bruder Sacherell wurde Edith einmal als „Äbtissin der Nachtigallen“ gewürdigt.
Künstlerkollegen urteilten meistens positiv über das Trio. Der Romancier und Lyriker David Herbert Lawrence (1885–1930) lobte die Geschwister, sie hätten England gelehrt, wie man jung sei. Sie hätten der Langeweile den Krieg erklärt, bescheinigte ihnen die Schriftstellerin Evelyn Waugh (1903–1966). Die Schriftstellerin Rebecca West (1892–1983) bezeichnete sie als „Nachfahren der glanzvollsten Gruppierung, die England je besaß, der Whig-Aristokratie des 18. Jahrhunderts“.
1926 begegnete Edith Sitwell in Paris dem elf Jahre jüngeren russischen Maler Pavel Tchelitschew (1898–1957). Sie liebte den neurotischen und homosexuellen Künstler, der sie zwar als Muse, Gönnerin und geistige Vertraute verehrte, aber ihre tiefen Gefühle nicht erwiderte, 30 Jahre lang bis zu seinem Tod. Von ihrer Freundschaft zeugen ein halbes Dutzend prächtiger Gemälde, die der Russe von ihr anfertigte.
Vor den in Frankreich einmarschierenden Deutschen floh Edith Sitwell 1939 aus Paris zum Familiensitz „Renishaw Hall“ bei Sheffield. Dort erlebte sie zusammen mit ihrem Bruder Osbert und dessen Lebensgefährten bitterkalte Winter ohne Heizung und elektrisches Licht. Damals dachte sie darüber nach, den Lebensgefährten ihres Bruder zu ermorden. Später erklärte sie, sie sei zum katholischen Glauben übergetreten, um ihren Mordgedanken zu widerstehen.
Im Sommer 1944 las Edith Sitwell bei einer Veranstaltung in London während eines Luftschutzalarms ihre Verse bis zur letzten Zeile, obwohl durch die weit offen stehenden Fenster das Sirren einer näherkommenden Bombe zu hören war. Ein Augen- und Ohrenzeuge rühmte die Dichterin, sie sei „kaltblütig wie ein Admiral, der inmitten einer Seeschlacht von der Brücke Befehle erteilt“ gewesen.
Noch als 61-Jährige sagte Edith Sitwell, sie könne sich selbst nicht leiden, weil sie so hässlich sei. Sie hatte ein knochiges Gesicht mit einer Hakennase, kleine Augen, einen schmallippigen Mund und dünne, fahle Haare. Ihre Auftritte wurden von ihr sorgfältig inszeniert: Sie verkleidete sich als Tudorfürstin, spanische Infantin, Hexe, mittelalterliche Madonna, Chinesin, Naiade oder Gendarm. Häufig trug sie phantastische Kopfbedeckungen und riesige Schmuckstücke.
Aus Edith Sitwells Feder stammen Gedichte, Romane, Essays und Biographien. Die ersten Gedichte beschworen eine Märchenwelt, in der Kinder umgehen und ältere Frauen ermorden. Später entlarvte sie die Barbarei hinter den Fassaden des Gesellschaftslebens. Ihre Gedichte erschienen in „Selected poems“ (1936), „The canticle of the rose“ (1949 mit Gedichten von 1920 bis 1947), „Gardeners and astronomers“ (1953) und „Collected poems“ (1957).
Einer von Edith Sitwells bekanntesten Romanen heißt „Under a black son“ (1937, deutsch: „Ich lebe unter einer schwarzen Sonne, 1950). Er kreiste um das Leben des irisch-englischen Satirikers Jonathan Swift (1667–1745). Zu ihren erfolgreichsten Biographien und Essays zählen „Alexander Pope“ (1930), „The English eccentrics“ (1933), „Aspects of modern poetry“ (1934), „Victoria of England“ (1936, deutsch: „Viktoria von England“, 1947), „A poets notebook“ (1943), „Fanfare for Elizabeth“ (1946, deutsch 1947), „A notebook on William Shakespeare“ (1948).
1954 konvertierte Edith Sitwell zur römisch-katholischen Kirche. Im selben Jahr wurde sie auch zur Dame („Trägerin des Ordens des British Empire“) ernannt. Die Universitäten Oxford, Durham und Leeds ernannten sie zum Ehrendoktor.
Am 9. Dezember 1964 starb Edith Sitwell im Alter von 77 Jahren in London. Ihre Autobiographie „Taken care of“ (1965) erschien erst nach ihrem Tod. 1979 kam die Monographie „Façades – Edith, Osbert, Sacheverell Sitwell“ von John Pearson heraus, 1981 die Biographie „A Unicorn among Lions“ von Victoria Glendinning.
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Eintrag vom: 14.12.2006 15:36:18
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